Wie Windmühle ist unsere Urteilsverzerrung – kaum zu bemerken

 

„Unsere Meinung über andere ist wie eine Windmühle: Sie ist stets dem Wind unserer Launen zugewandt.“

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Windmühle mit menschlichen Händen als Flügeln, Symbol für wechselhafte Urteile.Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man auf dieses Zitat stößt. „Unsere Meinung über andere ist wie eine Windmühle: Sie ist stets dem Wind unserer Launen zugewandt.“ Auf den ersten Blick wirkt es fast zu einfach. Eine Windmühle, die sich dreht, je nachdem, woher der Wind weht. Die Launen, die wie wechselhafte Luftströmungen daherkommen. Aber je länger man darüber nachdenkt, desto mehr entfaltet sich darin eine fast beunruhigende Wahrheit über die menschliche Natur. Es geht nicht nur darum, dass wir manchmal ungerecht sind. Es geht um etwas viel Fundamentaleren: dass unsere Urteile über andere Menschen vielleicht gar nicht so fest und objektiv sind, wie wir glauben. Dass sie atmen, sich verschieben, sich überlagern mit dem, was gerade in uns selbst vorgeht.

Der Wind der Launen

Was ist mit „Launen“ gemeint? Es sind nicht nur die großen, dramatischen Stimmungsschwankungen von Freude zu Wut. Es ist vielmehr dieses diffuse, flüchtige Innenklima, das kaum greifbar ist. Ein Gefühl der Gereiztheit am Morgen, weil man schlecht geschlafen hat. Eine leichte Hochstimmung, weil die Sonne scheint. Der unsichtbare Druck einer unerledigten Aufgabe, der die Gedanken schwer macht. Oder einfach nur diese seltsame Müdigkeit nach einem langen Gespräch, die dazu führt, dass man die nächste Person, die einem begegnet, sofort als anstrengend empfindet, ohne dass sie etwas anderes getan hätte als guten Tag zu sagen.
Diese Launen sind wie ein Hintergrundrauschen, das nie ganz verstummt. Und das Zitat behauptet nun, dass unsere Meinung über andere genau diesem Rauschen folgt, sich nach ihm ausrichtet, so wie sich das Mühlenrad nach dem Wind ausrichtet. Das bedeutet: Wenn ich einen Menschen beurteile, ist das Urteil nicht ein sauberer, reiner Ausdruck seiner Eigenschaften. Es ist ein Gemisch aus seinen Taten und meinem momentanen, flüchtigen Zustand. Ein und derselbe Freund kann mir an einem Tag als warmherzig, an einem anderen als aufdringlich erscheinen. Ein Kollege, dessen Art mir sonst nichts ausmacht, kann mir an einem Nachmittag, an dem ich unter Zeitdruck stehe, plötzlich wie eine einzige Provokation vorkommen.
Man stelle sich das bildhaft vor. Die Windmühle steht auf einer Anhöhe. Ein festes Gebäude aus Stein und Holz. Es hat etwas Beständiges. Aber das Mühlenrad selbst, der Teil, der die Arbeit verrichtet, das Korn mahlt, der dreht sich immerfort. Und die Ausrichtung dieser Mühle, die Richtung, in die sie schaut, ist nicht etwa nach Norden oder Osten fixiert. Sondern sie folgt jedem Windhauch, jeder Böe. So ähnlich ist es mit unserem Kopf. Wir haben das Gefühl, eine feste Persönlichkeit zu sein, einen festen Charakter zu haben. Aber unsere Meinungen über andere, das sind die sich drehenden Räder. Sie sind nicht fest. Sie drehen sich unmerklich mit jeder neuen Laune. Man ist sich dessen nur selten bewusst, weil der Wind der Launen so subtil weht. Man spürt nicht, wie man sich gedreht hat. Man spürt nur das Ergebnis: eine ablehnende Haltung gegenüber jemandem, den man eigentlich mag, oder eine plötzliche Wärme für einen Menschen, den man normalerweise meidet.

Die Illusion der Konstanz

Niemand steht morgens auf und denkt: „Heute werde ich meine Meinungen über meine Mitmenschen nach meinem zufälligen, unberechenbaren Inneren ausrichten.“ Stattdessen konstruieren wir nachträglich Begründungen. Wenn wir jemanden aufgrund schlechter Laune kritisieren, finden wir immer einen scheinbar sachlichen Grund: „Er war wirklich zu laut heute“, oder „Sie hat einen falschen Ton angeschlagen.“ Dabei wurde die Lautstärke vielleicht an anderen Tagen gar nicht bemerkt, und der falsche Ton lag einzig und allein in unserer eigenen Empfindlichkeit.
Das ist die Tragik der Windmühle. Sie weiß nicht, dass sie sich dreht. Sie glaubt, sie stünde still. Und der Müller, also wir selbst, sucht die Ursache für das Knarren und Mahlen nicht in der Windrichtung, sondern im Korn, das gemahlen wird. Das heisst: Wir projizieren die Verantwortung für unser Urteil auf den anderen Menschen. Nicht unsere Laune ist schuld an der schlechten Meinung, sondern seine schlechte Eigenschaft. So entsteht ein Kreislauf. Die Laune erzeugt eine Wahrnehmung, die Wahrnehmung wird als Tatsache verbucht, die Tatsache bestärkt die Laune, und so dreht sich die Mühle immer weiter.
Und dann ist da noch die soziale Komponente. Die Launen sind ja nicht nur unsere eigenen persönlichen Wetterlagen. Sie werden auch angesteckt, geteilt, verstärkt. Eine gereizte Stimmung in einer Gruppe, ein kollektiver Frust, eine aufkommende Begeisterung. All das sind Winde, die aus verschiedenen Richtungen auf unsere innere Windmühle einblasen. Wir glauben, wir hätten eine eigene, unabhängige Meinung über einen Menschen. Aber vielleicht ist diese Meinung nur der gegenwärtige Schnittpunkt mehrerer unsichtbarer Luftströme: unseres eigenen Magens, der Müdigkeit, des Gruppendrucks, der letzten Nachricht, die wir gelesen haben.
Man kann sich das sehr schön im Berufsleben vorstellen. Ein Kollege präsentiert einen Vorschlag. Ist man gut gelaunt, findet man ihn kreativ und mutig. Ist man schlecht gelaunt, findet man ihn unausgegoren und riskant. Der Vorschlag ist derselbe geblieben. Nur die Windmühle hat sich gedreht. Und das Schlimme ist, dass man beides Mal mit voller Überzeugung handelt. Man fühlt sich im Recht. Die Meinung fühlt sich an wie eine feste Erkenntnis, nicht wie eine flüchtige Reaktion. Das Zitat aber durchbricht diese Illusion. Es sagt: Schau genauer hin. Deine scheinbar so feste Mauer ist nur ein Segel, das jeder Brise folgt.

Die Windstille und der Sturm

Aber, man muss sich das eingestehen, das Bild von der Windmühle hat auch seine Grenzen, oder vielleicht macht es gerade seine Stärke aus, dass man diese Grenzen bedenken kann. Was passiert in Phasen der Windstille? Wenn alle Launen sich legen, wenn man wirklich ruhig ist, ausgeglichen, vielleicht sogar glücklich. Dreht sich die Mühle dann nicht mehr? Gibt es dann eine Meinung, die nicht mehr dem Wind der Launen folgt, sondern vielleicht einfach das ist, was übrig bleibt? Eine Art Grundmeinung, ein Fundament, das sich nicht mehr verschiebt? Oder ist auch diese Ruhe nur wieder eine bestimmte Laune, eine spezielle Wetterlage, die sich als Objektivität tarnt?
Und was ist mit dem Sturm, also mit sehr starken Gefühlen wie tiefer, langanhaltender Wut oder glühender Liebe? Sind das noch Launen im Sinne flüchtiger Lüftchen, oder sind das orkanartige Verhältnisse, die die Mühle nicht nur ausrichten, sondern vielleicht sogar aus den Angeln heben? Das Zitat spricht von „Launen“, einem weichen Wort. Es meint wohl genau diese leichten, alltäglichen, manchmal unmerklichen Verschiebungen. Die große Wut ist eine eigene Kategorie. Sie produziert vielleicht keine sich drehende Meinung mehr, sondern eine starre, unbewegliche Haltung. Eine Windmühle, die sich im Orkan nicht mehr drehen kann, weil sie gegen einen Felsen gedrückt wird. Paradoxerweise könnte die extreme Laune also zur scheinbaren Festigkeit führen, während die kleinen, alltäglichen Launen die eigentlichen stillen Verführer sind.
Ein weiterer Punkt ist die Frage nach der Verantwortung. Wenn unsere Meinungen über andere nur Windmühlen sind, die den Launen gehorchen, sind wir dann überhaupt noch Herr unseres eigenen Urteils? Werden wir zu willenlosen Spielbällen innerer Wetterlagen? Oder gibt es einen Müller, der die Mühle auch bewusst in eine bestimmte Richtung stellen kann? Das Zitat beschreibt, wie es ist, nicht wie es sein sollte. Aber das Nachdenken darüber eröffnet genau die Möglichkeit, diesen Mechanismus wenigstens zu erkennen. Vielleicht kann man die Mühle nicht abschaffen, aber man kann lernen, den Windmühlenflügel zu beobachten, bevor man ein Urteil fällt. Man kann innehalten und fragen: Ist das jetzt eine gerechte Einschätzung, oder dreht sich hier gerade meine Laune?

Die andere Windmühle

Die Kehrseite dieses Zitats ist vielleicht noch schmerzhafter. Denn wenn unsere Meinung über andere nur der Wind unserer Launen ist, dann ist auch die Meinung anderer über uns nur der Wind ihrer Launen. Das bedeutet, dass die Anerkennung, die wir bekommen, die Kritik, die uns trifft, die Liebe, die uns geschenkt wird, all das ist niemals ganz rein. Es ist immer auch ein Stück Wetter, ein Stück Tagesform, ein Stück Befindlichkeit des anderen. Man möchte ja gerne glauben, dass man für das, was man wirklich ist, beurteilt wird. Für seine Taten, seinen Charakter, seine Tiefe. Aber vielleicht ist das eine Illusion. Der andere sieht uns immer durch den Schleier seiner eigenen inneren Winde.
Das kann entlastend wirken. Wenn jemand einen ungerecht kritisiert, kann man sich denken: Die Windmühle des anderen dreht sich gerade, das Korn ist vielleicht gar nicht so schlecht. Aber es kann auch sehr einsam machen. Denn wenn jemand einen lobt, dann fragt man sich: Ist das Lob wirklich mir gewidmet? Oder nur dem sonnigen Gemüt des anderen? Kann man überhaupt jemals wirklich gesehen werden, so wie man ist, ohne dieses Verzerrungsglas der Launen? Oder leben wir alle in einer Welt aus Windmühlen, die sich gegenseitig beobachten und jeder glaubt, er sehe den festen Grund, während alle nur den flüchtigen Wind sehen?
Man denke an eine Beziehung. Die ersten Monate, alles ist leicht, der Wind der Verliebtheit weht stark und aus einer Richtung. Der Partner erscheint als der wunderbarste Mensch. Die Meinung über ihn ist voller Güte. Später, nach einem Streit, nach einem schlechten Tag, dreht sich die Mühle. Plötzlich sieht man nur noch die Fehler, die Marotten, die Schwächen. Wer ist nun der „echte“ Partner? Beides sind Projektionen, beides sind Meinungen, die vom Wind der Launen geformt wurden. Die Wahrheit liegt vielleicht in der nüchternen, windstillen Mitte. Aber wie oft erlebt man diese vollkommene Windstille im Gefühlsleben?

Die leise Freiheit

Was bleibt einem also, wenn man dieses Zitat wirklich in sich aufnimmt? Es wäre zu einfach, zu resignieren. Zu sagen: Dann ist ja jede Meinung wertlos, dann kann ich doch einfach machen, was ich will. Das wäre zu bequem. Die Einsicht in dieses Prinzip ist eher wie eine Brille, die man plötzlich aufsetzt. Die Welt sieht nicht anders aus, aber man sieht klarer, dass sie anders aussehen könnte. Man kann anfangen, seine eigenen Windmühlenflügel zu beobachten.
Vielleicht beginnt eine gewisse Demut. Wer weiß schon, ob seine heutige Ablehnung eines Menschen nicht nur der Säure im Magen entspringt? Wer weiß, ob die heutige Bewunderung nicht nur von der guten Tasse Kaffee am Morgen herrührt? Diese Demut macht nicht handlungsunfähig. Man muss ja Meinungen haben, um zu leben, Entscheidungen treffen, Nähe und Distanz regeln. Aber sie macht die Urteile leiser. Sie nimmt ihnen den absoluten, endgültigen Charakter. Man kann denken: „Im Moment fühlt sich sein Verhalten für mich falsch an. Das ist meine Meinung. Aber vielleicht ist heute mein Wind einfach ein anderer.“ Das ist kein moralischer Relativismus. Es ist eine sanfte Skepsis gegenüber der eigenen Sicherheit.
Man kann den Vergleich mit der Windmühle auch praktisch nutzen. Ein Müller, der seine Mühle kennt, weiß, dass sie sich dreht. Deshalb verlässt er sich nicht blind auf ihre Ausrichtung. Er prüft das Mehl, das herauskommt. Er vergleicht mit einer anderen Mühle. Oder er wartet auf eine ruhigere Stunde, um das Korn zu beurteilen. Übertragen auf den Menschen bedeutet das: Bevor man ein endgültiges Urteil über einen anderen fällt, sollte man vielleicht mehrere Tage abwarten, verschiedene Launen durchleben lassen. Man sollte das Urteil nicht in einem Moment der Gereiztheit oder der Euphorie fällen. Man sollte versuchen, die Person an einem Tag zu sehen, an dem man selbst neutral ist, satt, ausgeschlafen, unbeschäftigt. Aber das ist selten. Die meisten Begegnungen sind ja genau von diesen Alltagslaunen durchsetzt.
Das Zitat endet nicht mit einer Lösung. Es endet mit einem Vergleich. Und dieser Vergleich wirkt nach wie ein sanfter Stoß in die Rippen. Er sagt: Sieh doch, wie du funktionierst. Du bist nicht der Herr deiner Meinungen, so wenig wie die Mühle Herr der Winde ist. Aber du kannst lernen, die Windrichtung zu benennen. Du kannst sagen: „Aha, heute weht mein Wind aus Nordwesten, also aus der Richtung der Müdigkeit. Meine Meinung über meinen Nachbarn ist daher gefärbt.“ Mehr nicht. Aber dieses kleine „Aha“ ist schon alles. Es ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der blind seinen Launen folgt, und einem, der wenigstens weiß, dass er ihnen folgt. Vielleicht dreht sich die Mühle dann ein kleines bisschen langsamer. Vielleicht wird das Mahlen ein wenig feiner. Und vielleicht, ganz vielleicht, gelingt es in einer ruhigen Stunde, die Flügel für einen Moment stillzustellen und einen anderen Menschen einfach nur zu sehen, ohne den eigenen Wind, ohne das eigene Wetter. Für einen kurzen, klaren Augenblick. Dann steht die Windmühle still. Und die Meinung schweigt.

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